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Die Neuordnung des Wissens (DFG)

Zur Genese "Nationalsprachlicher Lexika" (kokugo jisho) und der Kommerzialisierung von "Wissen" im  Ōsaka des 17./ 18. Jahrhunderts

Projektverantwortlicher: Prof. Dr. Stephan Köhn

Projektmitarbeiter: Paul Schoppe, M.A.; Martin Thomas, M.A.

Wissenschaftliche Hilfskraft: Daniel Döbbeler, B.A.

Förderzeitraum: März 2020 - Februar 2023

 

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bildete sich in Japan ein neues Lexikon-Genre heraus, das es dem Benutzer ermöglichte, die korrekte Schreibweise eines Begriffs mit den entsprechenden chinesischen Schriftzeichen zu ermitteln. Angeordnet nach dem klassischen iroha-Silbenalphabet und unterteilt in einzelne Themenfelder (mon 問), stand die effiziente Recherche im Vordergrund. Dies spiegelt sich auch in der Bezeichnung dieser Nachschlagewerke als setsuyōshū 節用集 („Sammlungen für den zeitsparenden Gebrauch“) wider. Im Zuge der rasanten Verbreitung des Holzblockdruckes im Kontext privatwirtschaftlicher Aktivitäten des 17. Jahrhunderts avancierte das Genre schnell zu einem bedeutenden Eckpfeiler des expandierenden Buchmarktes und konkurrierte aufgrund der Einbindung von Inhalten enzyklopädischen Charakters (furoku 付録) zunehmend auch mit anderen Vertretern der sogenannten Ratgeberliteratur. Das Genre der setsuyōshū war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von Bedeutung und brachte in seiner rund 450 Jahre währenden Geschichte über 800 Titel hervor.

Das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschungsprojekt „Die Neuordnung des Wissens“ möchte sich anhand einer umfassenden Analyse und Kontextualisierung eines setsuyōshū diesem besonderen Genre widmen. Im Fokus steht dabei das erstmals 1716 durch die Verleger Aburaya Yohē (Ōsaka), Tennōjiya Ichirōbē (Kyōto) und Suharaya Mohē (Edo) herausgegebene Otoko setsuyōshū nyoi hōju taisei 男節用集如意宝珠大成 („Das vollendete Wunschjuwel: Die zeitersparende Sammlung für den Mann“). Dieses nimmt aufgrund zahlreicher Eigenheiten, die nicht nur in der genderspezifischen Konzeption liegen, einen besonderen Stellenwert innerhalb des Genres ein. So bricht der Kompilator Yamamoto Joshū bewusst mit der bis dahin üblichen parallelen Darstellung der Einträge des Lexikonteils in Standard- (kaisho 楷書) und Konzeptschrift (sōsho 草書) und verwendet anstelle von Letzterer die Kursivschrift (gyōsho 行書). Weitaus bedeutender ist jedoch die Tatsache, dass viele Einträge des Lexikonteils ausführliche Erläuterungen enthalten, fehlerhafte oder alternative Schreibungen ausweisen, dialektale Varietäten erwähnen oder konkrete Quellenbelege anführen. Es scheint daher legitim, vom Vorhandensein einer sprachreflexiven Metaebene zu sprechen, wodurch sich das Otoko setsuyōshū nyoi hōju taisei von anderen Werken desselben Genres unterscheidet.

Das Forschungsprojekt gliedert sich in vier Phasen, die jeweils unterschiedliche Ziele verfolgen. In der ersten Phase erfolgt die textkritische Edition des bislang nicht edierten Originaltextes des Otoko setsuyōshū nyoi hōju taisei, das sich mit seinen rund 9.000 Lexikoneinträgen und zahlreichen furoku auf 107 Doppelblätter erstreckt. Die Edition dient primär der systematischen Erfassung und Erschließung des enthaltenen Vokabulars. Im nächsten Arbeitsschritt sollen im Rahmen einer annotierten Übersetzung des gesamten Werkes sämtliche angeführte Quellenbelege erschlossen und verifiziert werden, um Rückschlüsse auf die zur Zeit der Herausgabe vorhandenen Wissensbestände zu ziehen. In der dritten Projektphase soll eine Gegenüberstellung des Otoko setsuyōshū nyoi hōju taisei mit vergleichbaren Werken erfolgen, um auf diese Weise Rückschlüsse auf das im Genre der setsuyōshū tradierte Kernvokabular oder auf Veränderungen hinsichtlich der Kana-Orthographie zu ermöglichen. Hierfür soll eine projektbezogene Datenbank ins Leben gerufen werden, welche sukzessive durch Datensätze weiterer setsuyōshū ergänzt wird und die Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Im abschließenden vierten Arbeitsschritt erfolgt eine Untersuchung der Produktionskontexte des Werkes. Dabei soll insbesondere die Rolle Ōsakas als Zentrum der Kommerzialisierung von Wissen in der japanischen Frühmoderne beleuchtet werden.

Als übergeordnetes Anliegen versucht das Forschungsprojekt eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Formation und Kanonisierung von Wissen in der protomodernen japanischen Gesellschaft vonstattenging und welche Funktion hierbei den nationalsprachlichen Lexika beikam. Das Otoko setsuyōshū nyoi hōju taisei scheint für dieses Anliegen besonders geeignet zu sein, zeugt die Kompilation durch Yamamoto Joshū doch von einer Abkehr vom bis dahin gültigen Prinzip der Quantität hin zum Prinzip der Qualität. Einer willkürlichen Übernahme von Inhalten verschiedener Vorgängerwerke, wie sie in anderen Werken häufig der Fall war, steht eine gezielte Zusammenstellung und Belegführung des enthaltenen Vokabulars gegenüber. Inwieweit die von der bisherigen Forschung geäußerte Kritik der Alltags- und Realitätsferne des Genres setsuyōshū gerechtfertigt ist, soll mittels der Untersuchung ebenfalls geklärt werden, wobei grundlegend davon ausgegangen wird, dass die auf dieser Wahrnehmung basierende stiefmütterliche Behandlung seitens der Wissenschaft überdacht werden sollte.